Los geht’s um 1,00 Uhr in der Nacht: Passau, Linz, Wien, Budapest, Hatvan,
Kerescend, dann Abfahrt von der Autobahn in Richtung Eger. Weit! Zu weit für
manche. Es ist schon dunkel und das Navi ist von Nöten. Die weite Umgehung um
Budapest hat Zeit gekostet. Manche meinen, es wäre schneller durch Budapest. Ob
sie sich da mal nicht irren! „Rumänien liegt nun mal nicht vor der Haustür“.
Wir kommen an in Egerszalök, ziemlich kaputt, finden aber schnell unser
Gästehaus Golgovendegahz. Ich staune. Schönes Landhaus, ganz für uns allein.
Handgepäck aus den Autos, Zimmeraufteilung,. Alles klappt prima. Die Gesichter
der Mitfahrer hellen sich auf. Dann der Schock für die „Betagten“ unter uns. Das
Restaurant liegt 500 Meter entfernt.
Nach dem Essen wird es still, mucksmäuschenstill!
Erstes „Gruschpeln“ schon ziemlich früh. Die Sonne strahlt schon in den
Innenhof. Manche haben schon ihre Kameras gezückt. Schöne Farben. Jutta steht am
Fenster.
Zum
Frühstück richten wir einen Shuttledienst zum Restaurant ein und weiter geht’s.
Schnell noch eine kurze Stadtrundfahrt durch Eger, dann über Nyiregyhaza in
Richtung Satu Mare in Rumänien. Die Grenze passieren wir bei Csengersima..
Autobahn vorbei, die Straßen werden schlechter. Wir schleichen durch Satu Mare,
wunderbares Stadtzentrum. Erste Eindrücke von der Baukultur aus
österreich-ungarischer Zeit.
Dann weiter über Baia Mare in Richtung Sighetu Marmatie. Die Maramures grüßt mit
ihrer schönsten Seite, herrliches Wetter, tolle Panoramen, wunderbares Licht
In Vadu Izei biegen wir nach rechts ins Iza Tal und fahren über Barsana,
Stramtura, Rozavlea nach Botiza.
Irina erwartet uns am Straßenrand. Wir kommunizieren auf spanisch. Gudrun kann
das und Irina auch. Ihr Mann arbeitet in Spanien, wie so viele. Milena spitzt
die Ohren.
Dann wird’s hektisch: Koffer raus, Hänger leer, Zimmer beziehen. Helma und
Herbert gehen 200 Meter weiter in eine andere Pension.
Im
Speisezimmer wird’s dann gemütlich, so richtig gemütlich bei gutem Essen und
Trinken. War auch Zeit jetzt! Der Weg war weit.
Wir sehen jetzt erst so richtig, wo wir gelandet sind. Pensiune Irina Petreus, eine „Oase der Ruhe“ mit herrlichem Innenhof und liebevoller Einrichtung auf traditionelle Maramuresart. Pavillons und Lauben zum Verlieben. Hier wollen wir erst mal nicht mehr weg.
Gemütliches Frühstück, dann aber doch weg. Ein Spaziergang in Botiza vermittelt
erste Eindrücke der überwältigenden Holzarchitektur dieser Region. Die hiesige
Holzkirche ist ein Geschenk aus Viseu de Jos.
Die Leute sind freundlich und plaudern mit uns, nehmen uns mit ins Haus und
bieten Tuika an. Ungläubige und erstaunte Gesichter bei einigen Mitfahrern.
Unvoreingenommenheit und Gastfreundschaft gegenüber völlig Fremden, wir kennen
so was nicht mehr! „Open-minded“ würde Gudrun sagen.
Am Nachmittag geht’s mit den Autos nach Surdesti. Dort steht die höchste
historische Holzkirche Europas.
Unescu Weltkulturerbe!
Vorher machen wir aber noch einen Stopp bei der „eierlegenden Wollmilchsau“
Gheorghe Opris in Sabri. Er und die Nachbarfamilien sind gerade beim
Schnapsbrennen, ein Riesenaufgebot. Auch die Söhne aus Amerika sind da und
schrauben an ihrem First-Class-Nissan. Als wir kommen wird alles stehen und
liegen gelassen, nur die Oma dreht weiter die Maische, damit nichts anbrennt
Unser Schorsch wird als Maramuresmann neu eingekleidet, Tuika wird reichlich
ausgeschenkt, seine berühmten Schnapsflaschen mit der Leiter drin wechseln den
Besitzer und zu guter Letzt gibt Gheorghe noch ein Abschiedskonzert mit der
Blechtrommel während seine Frau uns was „vorspinnt“. Gheorghe Opris, das Unikum
aus Sabri, er versteht sein Geschäft. „Cultura traditionala“, perfekt
vermarktet. Keiner vergisst das!
Dann zurück in unser Paradies. Das Essen wartet und die Gemütlichkeit
Ausschlafen! Wir machen keine Hektik! Unsere Oase genießen!
Dann fahren wir nach Barsana, der berühmten Klosteranlage. Eine Welt für sich.
Ehrfurcht und Staunen ergreifen mich, niemand spricht laut. Eine überwältigende
Architektur der Gebäude und eine irgendwie friedliche Atmosphäre tauchen diesen
Ort in ein besonderes Licht; er regt an zum Nachdenken unter den Pavillons mit
Blick über die Gärten und die prachtvollen Dachkonstruktionen. Ich bekomme eine
Gänsehaut.
Casa memoriala Elie Wiesel in Sighet; ein Aufruf gegen das Vergessen. –
Confronting indifference!
„Was ist, wenn die letzten Überlebenden des Holocaust gestorben sind? Wird sich
Geschichte wiederholen? Wir dürfen nicht vergessen!“
Memorialul Victimelor Comunismului si al Rezistentei – Mahnmal an die Opfer des
Kommunismus und des Widerstandes. Eine gelungene Aufarbeitung der jüngeren
Geschichte Rumäniens im 20. Jahrhundert in einem ehemaligen Gefängnis. Sie endet
im Jahr 1989. Auf meine Nachfrage sagt man mir, dass die Revolutionsereignisse
und die nachrevolutionäre Phase der Geschichte Rumäniens in Temesvar zu sehen
sind.
Ich werde nachforschen.
Wir holen Norbert im Kaffeehaus ab und fahren weiter nach Sapanta zum Friedhof der lustigen Leute. Ziemliche Ruhe, ein gutes Zeichen!
Den Vormittag genießen wir bei Irina. Lieblich, idyllisch, einfach schön.
Dann fahren wir mit unseren Autos nach Viseu de Sus zur Wassertalbahn und
checken ein im „Carpatia Express“ auf dem Bahnhof von Viseu de Sus.
Eine vom Zugpersonal ist eine Zipserin. Auf meine Frage, wie das Leben hier so
sei, antwortet sie: „So und so.“ Ein wenig Wehmut schwingt mit in ihren Worten.
Ich denke an Frau Notsch aus Biertan und an Rosel Tante aus Lipova. „Was
soll`mer machen – so ist“ sagen diese, und immer schwingt ein wenig Wehmut mit.
Im Carpatia Express treffen wir jemanden, der jemanden aus Gresaubach kennt; ich
bin sprachlos. Wir trinken Wein und essen gut. Das Schlafabteil ist etwas eng
und nicht schalldicht! Aber romantisch.
Nach dem Frühstück im Carpatia Express steigen wir in die Touristenwaggons
und fahren mit der Dampflok „Helvetia“ ins Wassertal, etwa 23 Kilometer weit,
dann ist Ende. Dort gibt es eine „toaleta“ und etwas zu trinken und zu essen.
„Die Touristen kommen“, denke ich und erinnere mich an meine Fahrten mit der „Cozia
1“ und dem umgebauten Transit vor ein paar Jahren. „Wie sich die Zeiten ändern!“
Ein halber Waggon mit Plastikmüll geht mit zurück nach Viseu de Sus. Mein Freund
Gheorghe aus Botiza würde entsetzt sein: „Man sollte ihnen die Haut ab….“ Ich
sehe das nicht ganz so kritisch. Wenigstens landet der Müll nicht im Gelände,
und die Zeit lässt sich nicht anhalten. Kluge Konzepte sind gefragt, und die
Touristen bringen ja auch etwas Wohlstand. Aber Gheorghe meint ja auch mehr die
Holzmafia!
Unsere Zugbegleiter von der CFF sind Adi aus dem Film, in dem er den
Lokführerschein gemacht hat, mit Emmerich, dem Zipser, der in diesem Jahr im
Frühjahr gestorben ist, und Andi. Andi gefiel unseren Mädchen super, sie waren
hin und weg.
Bei der Ankunft am Bahnhof findet Günter einen Hund. Und er nimmt ihn prompt mit
auf die Reise. Da kennt er nix unser Günter! „Hunde haben gute Chancen!“.
Ich denke an meinen Bekannten Dieter aus Zweibrücken. Er hat auch einen
genommen, einen „Straßenköter“ aus Bukarest. Dem geht es blendend jetzt, gut
genährt! Die „Straßenkinder“ bleiben wo sie sind, und es geht ihnen gar nicht
gut, schlecht ernährt! Chancengleichheit!?
Es geht ein letztes Mal in unsere Oase zum gemütlichen Beisammensein. „Herz, was
begehrst du“!
Nach dem Abschied von Irina und dem Versprechen, dass wir sicher einmal wieder kommen, verlassen wir die Maramures.
Wir fahren in Richtung Osten über Borsa an den „muntii rodnei“ vorbei,
überqueren den „pasul prisolp“ und stoßen schließlich auf die neu ausgebaute
Landstraße Cluj – Suceava.
Schon gleich hinter Borsa beginnt „der andere Tourismus“. Schneisen sind in die
Karpatenwälder geschlagen für Skipisten und Lifte. Hierhin kommen „die Anderen“.
„Man sollte ihnen die Haut ab…“ Gheorghe kann die Entwicklung nicht aufhalten.
Er wird verlieren!
Nach 20 Kilometer verlassen wir wieder bei Vatra Dornei die Rennpiste Nr 17; es
wird wieder holprig. Wir biegen ab nach Dorna Arini und fahren durch das
wunderschöne Tal der Bistrita, eine der reizvollsten Strecken, die ich in
Rumänien kennen gelernt habe.
Wir erreichen die „Cabana Ceahlau“ am späten Nachmittag und haben nach „der
Schlacht um die Zimmer“ noch etwas Zeit für ein Bierchen auf der überdachten
Terrasse mit wunderbarem Blick auf das Ceahlaumassiv.
“Hier würde ein längerer Aufenthalt lohnen”, denke ich und plane schon die
nächste Tour.
Dann kommt Florin und sagt zu mir (nicht zu Günter): „Ich fahre dein Auto bis
zum Restaurant und auch wieder zurück! You can drink something!“ Solche „erste
Begegnungen“ sind mir äußerst sympathisch. Ich denke an Constantin und Hansi aus
Zarnesti, die machen das auch immer so. Auf der Fahrt hinunter ist es schon
dunkel, und Florin erwischt das einzige Schlagloch auf der ganzen fünf Kilometer
langen Strecke. Er ist untröstlich.
„Es wird wohl nicht das letzte sein“, fällt mir dazu ein, und ich freue mich auf
das Abendessen. Dieses ist prima, der Abend wird super. Auf der Rückfahrt fahren
wir mit beiden Autos am Schlagloch vorbei. Florin schaut nach rechts zu mir auf
den Beifahrersitz und schmunzelt.
Unsere Gastgeber winken lange und freundlich. Ich weiß, dass Pro Romania
wieder kommt, das habe ich ihnen gesagt. Ich glaub, Florin hat immer noch ein
schlechtes Gewissen; er winkt besonders lange.
Weiter geht’s zur Bicaz-Klamm. Fotos machen, Nippes kaufen. Jutta und Evelyn
kaufen jeweils einen Poncho; kein Nippes sagen sie.
Einen kurzen Stopp machen wir noch am Lacul Rosu zum Fotografieren, dann geht’s
weiter über Gheorgheni, Miercurea-Ciuc in Richtung Brasov.
Hier sind die Ortsschilder zweisprachig, viele Ungarn leben hier.
Ich denke an die Geschichte, die Voicu mir mal erzählt hat, als er mit Leti in
Miercurea-Ciuc war und nicht mehr weiter wusste. Die Leute seien so freundlich
gewesen und hätten ihnen, den völlig Fremden, Unterkunft gewährt.
„So ist!“ denke ich und weiß plötzlich wieder, warum ich schon so oft in
Rumänien war.
Gudrun will viel sehen, und in Sfintu Gheorghe ist es noch relativ früh am
Nachmittag. „Prejmer könnten wir noch gucken gehen“, sage ich. „Dort steht die
beeindruckendste Kirchenburg der Siebenbürger Sachsen im Burzenland. Auf deutsch
heißt der Ort „Tartlau“. Eigentlich ist schon geschlossen, aber da ist gerade
eine ungarische Schülergruppe angekommen. Die dürfen, also dürfen wir auch! Ein
wenig Geschichte, ein wenig Hintergrundinformation. Am besten versteht man
alles, wenn man sich mit den Leuten unterhält. Eine junge Frau kehrt gerade die
Kirche. Ich frage: „Wie ist das Leben so in Tartlau?“ Sie antwortet auf deutsch:
„So und so, nur noch Alte“. Ich verstehe.
In Brasov (Kronstadt) wird’s dunkel. Wir fahren über Poiana Brasov, landen in
Rasnov; jetzt ist es nicht mehr weit! Wir finden Zarnesti und den Eingang zum
Nationalpark „piatra craiului“, halten am schwarzen Haus, dessen Architektur
Verwunderung auslöst.
Ich habe Dorin gesagt, dass ich anrufe, wenn wir in Zarnesti ankommen. Er sagt:
„Ab dort noch 12 Kilometer bis Plaiul Foi, dann nach 500 Meter links abbiegen,
dann noch ca 800 Meter geradeaus, dann rechts über die Brücke und ihr seid da.“
Jetzt weiß ich, was uns erwartet!
Die Marterstrecke für Mensch und Material beginnt. Nach 50 Minuten stehen wir
vor der Brücke, raffen allen Mut zusammen, fahren drüber und stehen vor unserer
Hütte „Casa Craita!
„Treten Sie ein, mein Haus gehört Ihnen“ sagt Dorin. Ich bin begeistert, trotz
vorangegangenem Martyrium. Dorin macht Grill, wir beziehen die Zimmer. Als wir
den Hänger öffnen, sehen wir die Bescherung. Alle Köstritzer Bierflaschen für
Calin sind kaputt, und das gute Bier ist ausgelaufen. Es riecht gut. „Wie
bringen wir das nur Calin bei?“
Koteletts, Michis und Putenfleisch, frisch vom Grill, dazu Dosenbier, Limo, Cola
und Wein. Dorin hat für alles gesorgt. Mein „Ankommgefühl“ stellt sich ein. In
glaub, ich bin glücklich.
Gudrun sagt: „Du hast aber mal ne gute Frau“. Jetzt bin ich auch noch stolz!
Am Morgen liegt hoher Schnee.
Dorin kommt zum Frühstück und sagt: „Die Bären kommen heute am späten
Nachmittag. Zwei Guides werden euch begleiten. Und morgen ist die Bergwanderung,
es begleitet euch ein Guide namens Ciprian.“. „Kurz und schmerzlos“, denke ich,
„der labert nicht lange, schafft schnell Fakten“. Sowas ist mir sehr
sympathisch. Später erfahre ich, dass Dorin ein Millionenskiprojekt
ausländischer Investoren auf Poiana Brasov managt. „Man sollte ihm die Haut
ab…“.
Am Vormittag fahren wir nach Bran. Auf dem Weg begegnen wir einem Filmteam mit
zahlreichen LKW`s.
Wir erfahren, dass Kevin Costner da ist. Niemand will mehr von Bären was wissen,
nur noch von „dem, der mit dem Wolf tanzt“.
Aber Bran ist Pflichtprogramm. Ich schlendere an den Nippesständen vorbei und
denke zurück an die Zeiten, als der Kommerz noch nicht Einzug gehalten hatte.
Irgendwie war es schöner, ruhiger allemal. Ich gehe mit Evelyn und Norbert einen
Kaffee trinken, natürlich in die Schauderküche.
In Zarnesti gibt’s jetzt einen Lidl. Evelyn ist begeistert und findet alles, was
sie braucht. Wir sind ja Selbstversorger in der Casa Craita. Ich denke: „Das
wird ja immer schlimmer“, lass mich aber letztendlich doch von den Vorteilen des
Megadiscounters überzeugen. Ich fühle mich aber wie in Schmelz auf dem
Lidlparkplatz, wenn ich auf Evelyn warte. Einige von uns werden vom Kaufrausch
übermannt.
Zurück in der Casa Craita warten schon die Guides mit ihrem Allrad-Nissan und
mit ihren Flinten. Evelyn, Norbert und ich steigen zu ihnen, die anderen kommen
mit Günters Vito hinterher. Wir fahren mehrere Kilometer immer bergauf auf
schneebedeckten Waldwegen, immer tiefer in die Wildnis. Ich denke: „Wenn Günter
jetzt liegen bleibt, haben die Bären leichtes Spiel. Er hat keine Flinten, aber
wir“.
Aber der Vito geht erstaunlich durch den Schnee, kein Allrad, aber
Sperrdifferenzial; und Günter gibt Gas und hängt uns immer direkt an der
Stoßstange, wegen der Flinten, die wir haben.
Einer der Guides sieht aus, als käme er aus der Mongolei. Im Rückblickspiegel
sehe ich seine tiefe Narbe im Gesicht. „Bärentatzenspuren“, denke ich und kauere
mich auf dem Rücksitz ganz krumm, bis ich einen Krampf ins Bein bekomme.
Plötzlich halten wir an. Der Mongole bedeutet uns auszusteigen, ab hier geht’s
zu Fuß.
Wir müssen einen steilen Fußpfad im tiefen Schnee erklimmen, sehr steil und
schräg abfallend.
„Das schafft Norbert nicht“! Wir lassen ihn im Auto zurück, ohne Flinte, nur mit
seinem Küchenmesser.
Als wir auf dem Hochstand ankommen, haben wir einen wunderbaren Überblick über
die schneebedeckten Wälder des piatra craiului, Wildnis pur.
Der mit dem Försterhut zeigt uns eine Stelle, wo die Bären angefüttert werden.
„A colo“, sagt er, und wir starren uns die Augen aus dem Kopf, einmal mit und
einmal ohne Fernglas, fast drei Stunden lang. Zwischendurch denke ich manchmal
an Norbert, aber nicht so oft, bin mehr mit Bärenausschau beschäftigt und denke:
„Die müssen doch jetzt kommen“! Was kommt ist ein Wildschwein, es haut aber
schnell wieder ab.
Die Bären lassen sich nicht blicken. Günter zweifelt plötzlich daran, dass es
überhaupt Bären in Rumänien gibt, jedenfalls habe er noch keinen gesehen. Ich
habe große Mühe, ihm zu erklären, dass wir es sind, die die Bären sehen wollen,
sie uns aber nicht! Etwas ungläubig schaut er drein.
Die Narbe des Mongolen erscheint mir jetzt ganz anders. „Vielleicht beim
Rasieren geschnitten“, denke ich. Es wird langsam dunkel. Die beiden Guides
brechen ab.
Beim Abstieg auf dem schneebedeckten Waldpfad stürze ich kopfüber, kann mich
aber halten. Evelyn geht hinter mir, muss wie immer bei so was lachen, und
stürzt ebenfalls, aber seitlich. Schorsch geht noch hinter ihr und rettet ihr
das Leben! „Das werde ich dir nie verzeihen, pardon vergessen,“ denke ich und:
„Wenn Norbert jetzt noch lebt, bekommen wir was zu hören!“
Unten angekommen steht Norbert neben dem Auto, etwas blass, aber er strahlt über
das ganze Gesicht. Es habe ihm gut gefallen und sein Küchenmesser habe er nicht
gebraucht. Das mit dem gut gefallen glaube ich ihm nicht, das mit dem
Küchenmesser schon.
„Da muss doch was schief gelaufen sein mit dem Termin, den Dorin mit den Bären
verabredet hat“, denke ich für mich. Unsere Frauen denken bestimmt: „Dann gehen
wir eben zu dem, der mit dem Wolf tanzt“. Aber auch den bekommen wir nicht zu
Gesicht.
Die Nacht wird schlaflos. Günter und Cuza gruschpeln stundenlang.
Wir treffen uns mit Cipri dort, wo es hoch geht nach Magura. Nicht alle
können mit: Evelyns Blase am Fuß drückt, Norbert und Herbert sind lädiert,
Schorsch und die Mädchen wollen ausspannen. Also sind wir sechs, mit Cipri
sieben, die den Tagesmarsch am piatra craiului antreten. Der Aufstieg nach
Pestera ist steil; die Berghütten von Constantin und Doru grüßen aus dem
gegenüberliegenden Magura.
Herrliche Bergwelt, wie aus dem Bilderbuch. Ich denke an die Nacht mit Günter
auf dem Balkon - damals hat er auch schon sehr früh angefangen zu gruschpeln - und
an die tollen Aufenthalte in Constantins Hütte. Hier waren schon viele von uns.
Ich fange an zu schwitzen. Günter gibt mir seine Wanderstecken. Jetzt geht alles
viel leichter. „Du Jungfuchs, wozu brauchst du schon Wanderstecken“, denke ich,
bin aber dankbar, denn es geht immerfort bergauf.
Einige hundert Meter Höhenunterschied auf einer Gesamtdistanz von etwa 15
Kilometer. Zeitweise denke ich, ich stoße an meine Grenzen. Ich glaube, Jutta
und Cipri sind besorgt um mich. Sowas gefällt mir immer gut! Sie gehen jetzt
langsamer. Schon rücken die Grenzen in weite Ferne.
Plötzlich sagt Günter, dass es doch Bären gibt. Es ist noch nicht lange her,
dass sie hier waren. Bärentatzenspuren im Schnee, ganz frisch. Günter hat
Schuhgröße 47. Er passt ganz hinein.
Jetzt wird mir etwas mulmig. Mein Schweiß wird kalt. Aber es ist ja auch kalt
hier oben, beruhige ich mich. „Singen wäre nicht schlecht“, denke ich. Helma und
Gudrun haben schon begonnen.
Wir stehen vor dem Gipfel des Königsteins. „La Om“, sagt Cipri. Ich bin
überwältigt, die Kulisse ist fantastisch in der durch den Nebel dringenden
Sonne.
Dann beginnt der Abstieg durch die Schlucht. An Constantins Steilwand halte ich
Ausschau nach ihm, er hängt nicht da. „Vielleicht ist er in Dresden bei Löwinger“,
denke ich. Später fahren wir zur Alpin Ranch. Alles ist dicht. Er ist in
Dresden. Ich bin mir ziemlich sicher. Am Parkplatz verabschiedet sich unser
Guide Ciprian.
Am Abend gibt’s Gulasch und eine gemütliche Abendsitzung.
Heute fahren wir nach Sinaia und besuchen Schloss Peles von König Mihai, dem
Hohenzollern. Der Guide bin ich. Leider ist das Schloss für Besucher
geschlossen, da die Saison schon vorbei ist. Wir können nur von außen schauen.
Vor dem Schloss sitzt wie immer mein Freund Catalin Comnoiu, der Gitarrist. Er
erkennt mich schon von weitem und winkt mir freundlich zu. Ich lade ihn ein zu
unserem 20 jährigen Bestehen im August 2012. Mal schauen, ob er mit den Aliosern
mit kommt; jedenfalls hat er nicht abgelehnt und schon mal mit Calin
telefoniert.
Der Aufenthalt in Peles wird kürzer als geplant, und wir fahren noch nach Sinaia
und hoch auf 1400 Meter. Hier steht ein schreckliches Hotel und eine Raupe macht
gerade die Natur kaputt. Es wird eine Skipiste angelegt. An Gheorghe aus Botiza
mag ich schon gar nicht mehr denken, „besser er sieht so was nicht, sonst nimmt
er sich noch das Leben“, denke ich und genieße die herrliche Aussicht am
Schreckenshotel vorbei.
Dann fahren wir nach Brasov (Kronstadt) und finden einen Parkplatz in
unmittelbarer Nähe zur Altstadt, vielleicht 10 Minuten Fußweg bis dorthin.
Norbert meckert ohne Ende; er dachte wohl, wir würden ihn mitten in der
schwarzen Kirche absetzen. Ich beiße auf die Zähne, und ich glaube, Evelyn ist
zum ersten Mal richtig sauer.
Wir verabreden einen Zeit- und Treffpunkt, und ich genieße dann doch noch mit
Evelyn und Jutta zusammen einen herrlichen Spätnachmittag in meiner
Lieblingsgroßstadt in Rumänien.
Das Abendessen ist leider fast ungenießbar. „Do gehn ich nemme hin“, denke ich,
„obwohl et scheen es em Keller“.
Dann zurück. Ich denke schon mit Grauen an die Marterstrecke, die wir ein
vorletztes Mal bewältigen müssen, und das bei Dunkelheit. Ich habe Angst, dass
sich die wenigen Schrauben, die in meinem Kopf noch fest sitzen, allesamt
lockern werden.
Am Abend verabschiede ich mich noch von Dorin in seiner Wohnung in der Casa
Craita. Gefällt mir der Kerl.
„Alles gut“? fragt er. „Prima“, sage ich, „wir kommen wieder“. Er strahlt und
gibt mir die Hand. “La revedere si la multi ani!“
Wir fahren. Kevin Costner bleibt noch! Ein letztes mal die Marterstrecke bis
Zarnesti.
Dort galoppieren fünf Rappen wie wild geworden durch die Straßen, an Autos und
Leuten vorbei, wild wiehernd vor uns und hinter uns. Milena ist begeistert.
Gudrun will viel sehen, und ich schlage vor, dass wir einen kleinen Umweg über
Sighishoara (Schässburg) und Biertan (Bierthälm) machen. Sie liest laut vor aus
ihrem Marco Polo über Schässburg und die Altstadt, das Geburtshaus des Vlad
Tepes, die Kirchenburg in Biertan usw.
Wir fahren an Rupea (Reps) vorbei, dem Heimatdorf von Claudiu M. Florian, der
den Roman „Zweieinhalb Störche“ geschrieben hat, der hier in seiner Kindheit
spielt. Zu Hause werde ich Gudrun den Roman ausleihen. Sie wird mir auf einer
Postkarte schreiben: „Dank der Rumänienreise konnte ich es gut verstehen“.
Ich will eigentlich von Schässburg nicht so viel sehen, da ich schon alles
kenne. Dafür treffe ich mich mit Wolli und Patrick aus St. Wendel und plaudere
beim Kaffee über ihre und unsere Erlebnisse.
Ich habe 10 Minuten überzogen und ernte böse Blicke von Evelyn. In den Autos auf
dem Parkplatz packen alle ihre „Schmieren“ aus und futtern. So viel Zeit muss
sein!
Ein verlotterter Zigeunerjunge mit riesengroßen Augen bettelt. Er kommt zu mir
ans Fahrerfenster. Ich gebe ihm ein paar Lei unter der Bedingung, dass er uns
dann nicht mehr belästigt. Er akzeptiert. Mir ist nicht wohl dabei.
Gudrun sagt: „Soll er doch in die Schule gehen, sonst hört das ja nie auf“. Mein
Unwohlsein verstärkt sich.
„Wir müssen hier weg“, denke ich und fahre nach Biertan, prompt in die falsche
Richtung. Mir fällt plötzlich ein, dass bei Leti in der Klasse in Alios mehr von
„diesen“ Zigeunerkindern sind als von „jenen“ rumänischen Kindern.
Diese – Jene!? Europa – deine Kinder.
In Biertan fühle ich mich besser, wie zu Hause. Meine dritte Heimat, nach Dorf
und Alios. Ich zeige Jutta, wo wir mit Ines und Tim am Lagerfeuer gesessen haben
und eine Eselwanderung gemacht haben. Jutta ist ganz in sich gekehrt.
Ich hoffe, dass ich Otto treffe. An der Pensiune mache ich halt und klopfe.
Niemand ist da. „Diese halbe Stunde hätte ich mir genommen“, denke ich. Karin
treffe ich auch nicht und ein Besuch bei Frau Notsch hätte dann doch zu viel
Zeit gekostet. So bleibt nur ein wenig Zeit zum Kirchenburgfotografieren und wir
fahren weiter nach Richis (Reichersdorf).
Ich bin traurig. Wäre schön gewesen, wenn wir auch hier ein paar Tage gewesen
wären. Mir geht alles Mögliche durch den Kopf. „Vielleicht begegnet uns Meggi in
Reichersdorf“ – leider.
Hinter Reichersdorf beginnt ein Waldweg. Ich glaube, die im anderen Bus denken,
ich spinne.
Dann geht’s über die Dörfer in Richtung Sibiu (Hermannstadt). Sachsendörfer, so
typisch und bunt wie auf den Fotos im Reiseführer. Ich werde melancholisch. Ein
wenig bin ich hier zu Hause.
Für einen Besuch in Sibiu ist die Zeit zu knapp. Die Autobahnumgehung ist
fertig, wir brauchen nicht mehr durch die Stadt. Dann geht’s ab über Sebes, Deva
in Richtung Lipova nach Alios. Dort kommen wir an bei Dunkelheit.
Der Empfang im Alcarzentrum ist herzlich und lang. Mit meinem Freund Dan hatte
ich vorher telefoniert und ihm unsere Ankunft mitgeteilt. Er wusste gar nicht,
dass wir in Rumänien sind. Die Verantwortlichen von Alcar hatten ihn nicht
informiert. Sein Kommentar: „Werner – du kennst das!“ Er lässt sich nichts
anmerken. Mein Ärger ist grenzenlos, ich muss mich beherrschen.
Nach ein paar Bierchen geht’s dann in die Familien, die „Gepäcktaxis“ stehen
bereit. In der Nacht kommen Milena, Jutta, Evelyn und ich zu Brutus. Es gibt
Gulasch. In bin zu Hause.
Den Vormittag verbringe ich in meiner Gastfamilie mit Dana, Cornella und
Brutus. Einige Telefonate mit Freunden. Ich erfahre, dass mein Freund Voicu im
Sommer ernsthaft erkrankt ist. Auch davon haben sie mir nichts gesagt!
Ich glaube, Jutta und Milena fühlen sich wohl. Kein Wunder, bei den „Hatigans“
kann man sich kaum anders fühlen.
Am Nachmittag treffen wir uns alle im Alcarzentrum. Ich stelle unsere Projekte
vor, insbesondere unseren Second-Hand-Laden und die Patenschaftsmodelle. Ich
habe das Gefühl, dass ich auf großes Interesse bei den Mitfahrern stoße.
Wir verabreden, dass wir einen Rundgang durch Alios machen, in alle Ortsteile,
auch ins Randgebiet, wo die Randgesellschaft haust, um einen Eindruck zu
gewinnen, einen Eindruck von der tatsächlichen Situation von „Alios in Europa“.
Bei unserem Filmprojekt im April 2011 wurde das „Zigeunergetto“ ausgeblendet.
Unsere Partner wollten dort nicht filmen.
Die Situation dort ist mehr als dramatisch. Die Menschen hausen in Baracken.
„Unvorstellbar“, denke ich: „Darf so etwas sein in Europa, in der reichen EU??“
Ich frage die Menschen, ob ich fotografieren darf. Sie sind freundlich, stellen
sich in Pose und winken in die Kamera. Einer sagt: „In Hannover war das Leben
besser.“ Ich weiß nichts zu antworten und denke an meinen Bekannten Alexander
aus Überherrn. Er ist Pilot und muss sie zurück fliegen auf den Flughafen nach
Bukarest. Er sagt: „Ich schäme mich, da sind Leute dabei, die tragen ihr ganzes
Leben in der Plastiktüte“.
„Wenn er wüsste, wo sie wirklich landen“, denke ich.
Plötzlich fällt mir die Diskussion mit Christian aus Gresaubach ein.
„Wirtschaftsflüchtlinge“ nennt er sie.
Einige von diesen werden im Winter sterben, erfrieren. Besonders gefährdet sind
die Kinder, die Alten sind schon gestorben. Man wird sie dann begraben,
irgendwo. Manche Ortschaften haben sogar gesonderte Friedhöfe für „diese“.
Gettos über den Tod hinaus! Reiches, armes! Europa.
Wir müssen hier filmen!
Wir kommen zurück ins Alcar-Zentrum. Dort ist Jahrmarkt. Günter hat Geburtstag und alle seine Patenkinder mit ihren Freunden und Bekannten futtern Pizza. Ich trinke Bier und bin spät in der Nacht ganz schön „worres“.
Am Vormittag muss ich ausschlafen und mich wohl fühlen in meiner Familie.
Nachmittags geht’s dann nach Temesvar. Der Guide bin wieder ich. Ich erzähle die
Schaudergeschichten von unseren Erlebnissen auf dem Armenfriedhof aus dem Jahr
1992, schildere so gut es geht die Revolutionsereignisse, schlendere mit der
Gruppe von der Oper zur Kathedrale bis zum Tökes-Haus mit dem Schild „Hier
begann die Revolution, die der Diktatur ein Ende setzte“.
Lazlo Tökes sitzt nun im Europaparlament, erfahre ich von seinem Nachfolger im
Priesteramt, der uns die Kirche zeigt.
Später denke ich: „Temesvar hat Flair und entwickelt sich zu einer europäischen
Metropole“.
Von diesen aus den Randgebieten sieht man nichts, aber jede Menge schwarzer
Sheriffs.
Zurück in Alios gehen wir zu Dana in die Pizzeria. Der Laden ist voll. Ich gehe früh schlafen.
Ich fahre morgens noch zu Voicu. Leti sagt: „Wir müssen wechseln Leben um 180
Grad“. Ich mache mir Sorgen.
Dann die Abschiedszeremonie im Alcar-Zentrum. Geschenke und Geknutsche ohne
Ende. „Multi sanatate, la multi ani, drum bun, salut pentru familia in germania…“
Es nimmt kein Ende. Am Schluss kommen noch Maria und Nellu und küssen so
herzhaft auf den Mund wie eh und je.
Wir fahren einen Umweg über Siria, um die Paläste der anderen Sinti und Roma zu
sehen, diese, die man nie zu Gesicht bekommt und deren Schlösser und
Prachtbauten nie fertig werden. Sie sind allesamt unbewohnt aber mächtig und
prächtig.
Am Bahnübergang bei Arad müssen wir halten. Ein verlotterter Zigeunerjunge mit
großen Augen verkauft Holzschachbretter mit Figuren („este komplett“, sagt er)
für 3 Lei. Von den meisten Autofahrern wird er barsch abgewiesen. Wir kaufen
eins und ich denke: „Tausend Jahre wirst du brauchen, bis du in einem jener
Paläste wohnen kannst“.
Die Schranke öffnet sich. Wir fahren in eine andere Welt.
Wir übernachten am Neusiedler See in der „Neusiedler Csarda“. Angenehm.
Wir fahren bis Passau und hängen den Hänger um. Ab hier fahren wir getrennt.
„Eine tolle Tour“, denke ich und hoffe innigst, dass wir uns wieder sehen.
Gegen 22,00 Uhr sind wir zu Hause.